05_autobahn_I

Liebstes Huhn,

ach, wie schön, dass Willi sich so gemausert hat – ich bin auch einfach viel zu selten da…aber die Zeit…ach, ich bräuchte mehr davon. Wirklich. Hätte der Tag ein paar Stunden mehr…meistens schaffe ich gar nicht alles, was ich an einem Tag schaffen möchte…es rast alles nur so dahin und ich mit. Und oft frage ich mich am Abend, wie das schon wieder so schnell passieren konnte? Ich bin doch gerade erst aufgestanden…
Der einzige Ort, an dem alles andere rast, nur ich nicht, ist die Straße: Alles bewegt sich, die Umgebung zieht an dir vorbei. Alles, was Du siehst, sind Momentaufnahmen, die du mitnimmst. Alles ist im Fluss, die Gedanken fließen wie von selbst.
Auf der Fahrt ist es, als ob die Umgebung an mir vorbeizieht, während ich mich in meinen Gedanken verliere. Die sonst immer andauernde Rastlosigkeit ist vergessen, die Hektik ausgeblendet. Du fährst und fährst und irgendwann erreicht man eine Art meditativen Zustand, in dem alle Sorgen vergessen sind. Ideen kommen dann wie von selbst und alles ist einfach…und gut. Und richtig. Es könnte immer so weitergehen. Aber ich weiß natürlich, dass sich auch dieser Zustand wieder verändert.
Pánta chorei kaì oudèn ménei“ – Alles bewegt sich fort und nichts bleibt…und tatsächlich ist es dann auch so. Bin ich selber im Fluss, macht mir die stetige Veränderung keine Angst mehr. Ich kann sie annehmen, muss nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich glaube: Hat man das prozesshafte verinnerlicht und als Teil des Lebens und damit seiner selbst angenommen, muss man keine Angst mehr haben. Weil man vertraut. Und wenn man vertraut, kann man mutig handeln. Man verschwendet keine Zeit mehr mit dem Trauern um Vergangenes, man muss sich nicht mehr festklammern. Man ist frei. Ich glaube: Das ist der Zustand des Glücks. Kein fragiles Glück wie der Glücksmoment, wenn dir etwas Schönes widerfährt wie ein Geschenk, sondern tiefes Glück. Der Glücksmoment verfliegt, intrinsisches Glück bleibt. Versteh mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan des Glücksmoments – zum Beispiel, wenn ich nach einem Arbeitstag in der Abendsonne meine Körner mampfe…oder wenn ich jemandem ein Geschenk mache und er sich freut…oder eben, wenn ich den Briefkasten öffne und einen Brief von Dir darin finde. Lauter Glücksmomente, die ich nicht missen möchte und zum Leben brauche. Aber ich sehe sie eher als Topping auf einer Basis. Denn charakteristisch für diese Momente ist doch die Flüchtigkeit: Kaum sind sie da, sind sie auch schon wieder verflogen. Ist die Vorstellung von einem glücklichen Leben die Aneinanderreihung von Glücksmomenten, ist das unglückliche Leben vorprogrammiert: Man hangelt sich von Glücksmoment zu Glücksmoment. Aber was passiert dazwischen? Dazwischen denkt man entweder mit Wehmut an den vergangenen Glücksmoment oder hofft auf das baldige Kommen des nächsten. Das Hier und Jetzt verliert an Bedeutung.
Viele glauben, wer ein glückliches Leben führt, ist nie traurig. Ich aber glaube: Zu einem glücklichen Lebens gehört die Freude ebenso wie die Trauer. Oder auch Angst. Und sogar Wut. Das Leben auskosten mit allen Höhen und Tiefen. Wenn alles fließt und man das verinnerlicht, kann man jede Emotion annehmen. Wie furchtbar langweilig wäre es, wenn wir nur Freude kennen würden?

Ach Huhn, wenn das doch nur immer im Alltag klappen würde…Viel zu oft vergisst man, dass zum Leben mehr gehört, als Glücksmomente und man vergisst, dass sich alles verändert. Dann passiert genau das, was ich am Anfang beschrieben habe: Wir haben keine Zeit, nehmen uns zu viel vor, weil wir glauben, dass es uns zu Glück und Zufriedenheit verhilft, alles zu schaffen. Plötzlich ist der Tag vorbei, ohne dass man es gemerkt hat…und wir haben doch keine Zeit…

Nun habe ich vor lauter Autobahn-Philosophie ganz vergessen, auf Deine Frage zu antworten…ich werde das im nächsten Brief nachholen, für heute ist mein Schreibkontingent erschöpft…

Also liebes Huhn, gib Willi einen dicken Kuss von mir!
Bis ganz bald,

Deine Annemarie

 

2 Antworten

  1. Der Blogger-Kommentiertag hat mich hergeführt, und prompt habe ich mich festgelesen! :). In den Briefen dieser Hühner-Freundinnen verbirgt sich so viel Weisheit und Wärme, die mich tief berührt. Vielleicht, weil ich mich besonders in Annemarie selbst wiederfinde – und so Huhns Brief #2 genau wie sie wertschätzen konnte.

    Ich bin schon sehr gespannt darauf mehr von diesen klugen Hühnern lernen zu können (morgen ist schliesslich Sonntag, da sollte Zeit zum entspannten Schmökern drin sein 😉 ).

    Viele Grüsse,
    Kathi

    • diesiemer sagt:

      Liebe Kathi,
      ich komme gerade nach Hause und hab mich total über Deinen Kommentar gefreut! Vielen lieben Dank für die lieben Worte – es gibt mir viel, wenn sich jemand in Annemarie wiederfinden kann. Und jetzt werd ich erst mal Deinen Blog ansehen – bis gleich 😉

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